Noomi Rapace über die Lisbeth Salander der Millennium-Trilogie

Die Rolle der Lisbeth Salander erforderte Mut und Talent - Schauspielerin Noomi Rapace setzte beides brillant ein. Im Interview erzählt sie über Lisbeth.

Die 1979 geborene Noomi Rapace stand 1994 zum ersten Mal vor der Kamera für die Fernsehserie Tre kronor, im Film Tusenbröder (2002) spielte sie gemeinsam mit ihrem Mann Ola.

Für die Rolle der Lisbeth Salander in der Millennium-Trilogie unterzog sich Rapace einem radikalen Wandel. Frisur, Piercing, Stunts – alles echt. Nur das riesige Tattoo auf ihrem Rücken wurde aus Amerika importiert. Im Interview berichtet sie über ihr Verständnis von Lisbeth Salander, über ihre Arbeit am Set hat sie an anderer Stelle Auskunft gegeben.

Noomi Rapace über den Grund für die Popularität ihrer Figur der Lisbeth Salander

„Ich glaube, jedermann fühlt irgendwann in seinem Leben eine Art Niedergeschlagenheit und eine Enttäuschung über die Gesellschaft: Manchmal wird man eben schlecht behandelt. Was die Menschen an Lisbeths Art mögen ist: Sie findet immer einen Weg zu handeln. Sie agiert, statt paralysiert zu sein, gelähmt. Lisbeth akzeptiert keine Macht. Das ist es, was die Menschen an Lisbeth fasziniert.“

Noomi Rapace über die Gründe, warum Lisbeth so ist, wie sie ist

„Die Kindheit und alles, was sie seitdem durchgemacht hat. Die Gesellschaft hat sie unterdrückt: die Schule, die Ärzte, die Polizei, das Rechtssystem. Jeder hat auf sie gepisst.“ Rapace verwendet tatsächlich dieses Wort.

„Sie alle haben Lisbeth zu dem gemacht, was sie heute ist, und weswegen sie heute einsieht, dass sie nicht allein in den Krieg ziehen kann. Sie braucht Menschen an ihrer Seite. Für sie ist das eine ganz neue Erfahrung, eine große Sache: sie wird sich öffnen müssen.“

Noomi Rapace über ihren Auftritt als Punkkriegerin im Gerichtssaal

„Wir haben beide Kopfseiten rasiert, und ich lief als Mohikaner auch in meinem Alltag herum. Das war nicht einfach“, Rapace sagt shit. „Es hat ungefähr eineinhalb Stunden gedauert, alles so perfekt hinzubekommen, all die Ausstattungsdetails an mir zu befestigen. Und manchmal habe ich mich gefühlt wie ein Soldat auf seinem Weg in den Krieg. Das war schon ziemlich verrückt. Als ich jünger war, habe ich eine Zeitlang als Punk-Rocker gelebt. Ich fand’s in gewisser Weise ziemlich reizvoll, cool. Es hat mir nichts ausgemacht, so maskiert herumzulaufen.“ Rapace lacht, als sie in den Erinnerungen schwelgt, es muss ihr wohl wirklich Spaß bereitet haben.

Noomi Rapace über Lisbeths Freunde und Feinde

„Mikael Blomkvist ist an ihrer Seite und seine Schwester Annika Giannini. Und dieser alte Mann Holger Palmgren, der Anwalt.“ Die Schauspielerin sucht nach einem treffenden Wort für den schwedischen Ausdruck, den sie auf Englisch nur als „best man“ wiedergeben kann. Mentor würde man in Deutschland vielleicht sagen.

„Auch Dragan Armanskij, ihr ehemaliger Chef, steht auf ihrer Seite. Ansonsten aber ist praktisch jeder gegen sie, denn die Leute denken, sie ist ein totaler Psycho-Freak, der eine ganze Menge Menschen getötet hat. Ihr Vater hat ihr so unendlich viel Leid zugefügt, er ist ganz definitiv gegen sie. Und schließlich der Arzt Teleborian, der dunkelste, schwärzeste Teufel in ihrem Leben. Teleborian hat sie missbraucht. Vielleicht nicht physisch missbraucht, aber auf jede erdenkliche andere Art. Und als sie sich zu diesem letzten Kampf mit ihm aufmacht, ist ihr klar: Sie wird gewinnen oder sterben. Dazwischen gibt es nichts.“

Noomi Rapace über Lisbeths Verhältnis zu ihrer Anwältin

„MIkaels Schwester Annika ist Anwältin. Im dritten Teil lernen sich Lisbeth und Annika langsam kennen. Auf gewisse Weise mag Annika ihre Klientin. Denn Lisbeth ist gradeheraus: Sie redet nicht herum, sie kommt auf den Punkt. Annika ist aus keinem anderen Grund bei Lisbeth als dem, ihr zu helfen. Und so trifft Lisbeth die Entscheidung, Annika in ihr Leben zu lassen. Lisbeth akzeptiert, dass sie Annikas Hilfe braucht.“

Noomi Rapace über Lisbeth Salanders Verhältnis zu Mikael Blomkvist aus der Millennium-Trilogie

„Im ersten Teil haben die beiden zunächst bloß einen Auftrag: Sie sollen das vermisste Mädchen wiederfinden. Und dann wird es zu einer Art Projekt; sie lernen sich kennen, kommen sich langsam näher. Irgendwie kann Lisbeth das akzeptieren, was ist für sie eine völlig neue Situation darstellt. Bisher war sie immer alleine, lebte total kontrolliert. Aber sie spürt, dass Mikael sie respektiert, dass sie neben ihm sie selbst bleiben kann.

Aber dann verliebt sie sich in ihn, was für Lisbeth, wie sie denkt, ziemlich gefährlich ist und sehr kompliziert. Natürlich fühlt sie, dass Mikael einer der „Guten“ ist, sie traut ihm – und hasst ihn zugleich. Mikael ist einer der ganz wenigen Personen auf der Welt, die sie in ihrem Herzen trägt. Das zu akzeptieren bereitet ihr massive Schwierigkeiten.“

Noomi Rapace über „Vergebung“ und Lisbeth Salander auf dem Kriegspfad

„Jeder in ihrer Umgebung mischt sich in Lisbeths Leben ein, in ihren ‚Fall‘, und sie, Lisbeth, zieht in den Krieg. Als das Gerichtsverfahren beginnt, ich glaube, da ist sich Lisbeth Salander überhaupt nicht sicher, ob sie gewinnen kann. Und trotzdem kommt sie heraus wie das totale Desaster: Sie trägt diese Mohikaner-Frisur, ist komplett überschminkt und sieht aus wie das schlimmste Punk-Rocker-Girl. Ich glaube, Lisbeth spielt da ein wenig mit dem Bild, was sie von sich selbst hat. Und es ist definitiv einer der bedeutsamsten Momente in ihrem Leben.“

Nachtrag: Am 12. Januar kommt ein amerikanisches Remake des ersten Teils der Trilogie in die deutschen Kinos. Die Rolle der Lisbeth übernimmt die hierzulande unbekannte Rooney Mara, den Journalisten spielt James-Bond-Darsteller Daniel Craig

(Das Interview wurde auf Englisch geführt und als Video von der betreuenden Pressestelle filmpresskit dem Autor zur Verfügung gestellt. Übersetzung: Autor)

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